Was bleibt vom KI-Hype? Ein Blick in den Verlagsalltag 2026
Klappentexte, die eine KI vorschlägt, Manuskripte, die sie vorsortiert, Kampagnen, die sie mitplant: Was vor zwei Jahren noch Ausnahme war, ist 2026 in vielen Verlagen Alltag geworden. Wie weit verbreitet und wie unterschiedlich intensiv das tatsächlich ist, zeigt die zweite KI-Studie der IG Digital im Börsenverein des Deutschen Buchhandels. 196 Fach- und Führungskräfte aus Verlagen unterschiedlicher Größe haben Auskunft gegeben, wofür sie Künstliche Intelligenz einsetzen, wie ernst sie das Thema strategisch nehmen und wo es noch hakt. Passend dazu trägt die Studie den programmatischen Titel „Vom Experiment zum Standard“.
Die Studie im Überblick
Die Erhebung lief als offene, anonymisierte Online-Umfrage zwischen Dezember 2025 und Januar 2026. Durchgeführt hat sie die IG Digital des Börsenvereins gemeinsam mit der Unternehmensberatung Highberg, in Kooperation mit dem Börsenblatt. Am Ende kamen 196 vollständige Datensätze zusammen, gegenüber 139 im Vorjahr. Bemerkenswert an der Stichprobe: 2026 haben deutlich mehr kleine und mittlere Verlage teilgenommen, dafür weniger Häuser mit mehr als 10 Millionen Euro Umsatz. Es ist bereits die zweite Auflage der Studie, wodurch sich erstmals ein Vergleich zum Vorjahr ziehen lässt.
Sprung bei der Relevanz: von 9 auf 31 Prozent
Der auffälligste Wert der Studie ist zugleich der einfachste: 2025 hielten neun Prozent der Befragten Künstliche Intelligenz für hoch oder sehr hoch relevant für ihr Geschäft. Ein Jahr später sind es 31 Prozent, mehr als eine Verdreifachung innerhalb von zwölf Monaten. Für die Zukunft rechnen die Verlage mit noch mehr Gewicht: 83 Prozent erwarten, dass KI bis 2031 hohe oder sehr hohe Relevanz für sie haben wird.
Wofür KI in Verlagen eingesetzt wird
Im Schnitt nutzt ein Verlag KI bereits für 3,7 unterschiedliche Anwendungsfälle. An der Spitze steht mit 69 Prozent die Erstellung und Bearbeitung von Inhalten, dicht gefolgt von Brainstorming und Recherche (66 Prozent) sowie der Aufbereitung und Aggregation von Inhalten (56 Prozent). Auch Marketing und Vertrieb (rund 49 Prozent) sowie Prozessoptimierung (42 Prozent) gehören längst zum Alltag. Weiter hinten liegen rechtliche Prüfungen und Lizenzfragen (29 Prozent), Produktentwicklung und neue Formate (24 Prozent), Backoffice-Aufgaben (18 Prozent) und der Kundenservice (14 Prozent). Technisch läuft der Großteil davon über reguläre Firmen- oder Einzellizenzen (62 Prozent). Rund 20 Prozent arbeiten dagegen mit selbstgebauten oder „unklaren“ Lösungen.
Strategie bleibt die Ausnahme
So verbreitet der praktische Einsatz ist, so selten ist die strategische Einbettung: Nur 31 Prozent der Verlage haben bereits eine dokumentierte KI-Strategie umgesetzt, ein weiteres Drittel plant das erst. Kompetenzen werden vor allem informell aufgebaut: über internen Austausch (61 Prozent), Schulungen und Weiterbildung (55 Prozent) sowie den Austausch innerhalb der Branche (49 Prozent). Gezielt KI-erfahrenes Personal rekrutieren dagegen nur 6 Prozent.
Großer Verlag, kleiner Verlag: zwei sehr unterschiedliche Risikobilder
Die Studie zeigt eine wachsende Kluft zwischen großen und kleinen Häusern. Bei Verlagen mit weniger als 1 Million Euro Umsatz sagen mittlerweile 33 Prozent, die Risiken von KI überwögen die Chancen; 2025 waren es erst 10 Prozent. Bei Verlagen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz ist es umgekehrt: Dort sehen 53 Prozent die Chancen klar im Vorteil, nach 39 Prozent im Vorjahr. Auch bei der Einschätzung konkreter Chancen (Skala 1 bis 5) liegen große Verlage in jeder Kategorie deutlich vorn: bei Prozesseffizienz (4,2 zu 3,3), Markt- und Trendanalysen (3,9 zu 2,7), Mitarbeiterproduktivität (4,0 zu 3,1) und Personalisierung des Angebots (3,8 zu 2,7).
Größte Hürden: Recht, Datenqualität, Output-Qualität
Nach den größten Hindernissen gefragt, nennen 56 Prozent der Verlage rechtliche Unsicherheiten, allen voran Urheberrechtsfragen, als Haupthürde, 45 Prozent Probleme mit der eigenen Datenqualität und 38 Prozent Zweifel an der Qualität der KI-generierten Ergebnisse selbst. Bei der Transparenz gegenüber Leser:innen ist noch viel Luft nach oben: Erst 28 Prozent kennzeichnen KI-Einsatz im Impressum, in Produkten oder auf der Website, und 37 Prozent haben den Rechtevorbehalt gegen KI-Training an den eigenen Werken (TDM-Opt-out) noch nicht umgesetzt (mehr Infos dazu finden Sie im ElephantPark-Artikel zum EU AI Act vom 20.06.2026)
Gegenbewegung: Das Label „Ohne KI“ von Loewe
Wie unterschiedlich Verlage mit der neuen Unsicherheit umgehen, zeigt ein Beispiel aus der Praxis: Der Kinder- und Jugendbuchverlag Loewe hat im Februar 2026 das Label „Ohne KI“ eingeführt. Es bescheinigt, dass ein Buch vollständig von Menschen geschrieben, illustriert und lektoriert wurde, abgesichert über vertragliche Vereinbarungen und interne Prüfprozesse, und erscheint auf den Cover-Abbildungen in Online-Shops. Der Hintergrund: Loewe rechnet damit, dass die gesetzliche Kennzeichnungspflicht für KI-Inhalte aus dem EU AI Act, inzwischen auf den 2. Dezember 2026 verschoben, in der Praxis so uneinheitlich durchgesetzt wird wie heute schon die Impressumspflicht bei vielen Self-Publishing-Angeboten. Der Verlag setzt deshalb auf ein eigenes, freiwilliges Gütesiegel statt auf die gesetzliche Vorgabe zu warten. Autor Markus Orths unterstützt die Initiative ausdrücklich: Wenn man der Verbreitung von KI-Inhalten nicht entgegenwirke, fehle es bald an Autor:innen und Verlagen.
Was bedeutet das für Verlage?
Die Studie zeichnet ein zweigeteiltes Bild. Auf der einen Seite ist KI 2026 in der Breite angekommen: Die Anwendungsfälle sind vielfältig, die Relevanz hat sich verdreifacht, und praktisch jeder Verlag nutzt die Technologie bereits in irgendeiner Form. Auf der anderen Seite hinken Strategie, Dokumentation und Kennzeichnung deutlich hinterher, ausgerechnet die Punkte, die der EU AI Act ab Dezember 2026 verbindlich einfordert. Wer heute schon eine KI-Strategie dokumentiert, Kennzeichnung mitdenkt und den Rechtevorbehalt sauber umsetzt, ist nicht nur rechtlich auf der sicheren Seite, sondern auch im Vergleich zu den 69 Prozent, die das bislang nicht tun, klar im Vorteil.
Für kleinere Verlage lohnt sich außerdem ein Blick auf die wachsende Kluft zur Größenklasse: Wo große Häuser eigene Kompetenzteams aufbauen, brauchen kleinere Verlage vor allem praktikable, klar begrenzte Einstiege statt umfassender Strategiepapiere: etwa über den meistgenannten Weg, den informellen Austausch mit anderen Verlagen. Und Initiativen wie das „Ohne KI“-Label von Loewe zeigen: Transparenz beim Thema KI lässt sich auch offensiv als Differenzierungsmerkmal nutzen, nicht nur als lästige Pflichtübung.
Vom Experiment zum Standard: noch nicht überall
Der Titel der Studie trifft den Kern: Aus dem Experiment mit einzelnen KI-Tools ist in vielen Verlagen ein fester Bestandteil des Arbeitsalltags geworden. Zum Standard im eigentlichen Sinn, mit Strategie, klaren Regeln und Kennzeichnung, hat es sich bislang aber nur bei einer Minderheit entwickelt. Genau in dieser Lücke zwischen Praxis und Struktur liegt für die Buchbranche in den kommenden Jahren die eigentliche Aufgabe.
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